EN 13001-3-4:2018 Kranlager Grenzzustand und Lebensdauer
Normenübersicht: EN 13001-3-4:2018 „Krane – Konstruktion allgemein – Teil 3-4: Grenzzustände und Nachweis der Tragfähigkeit von Lagerungen“ ist die lagerungsspezifische Norm innerhalb der europäischen Krankonstruktionsnormenreihe EN 13001. Sie legt die Grenzzustände (Ermüdungsversagen, Versagen der statischen Festigkeit) für Wälzlager und Gleitlager in Kranen sowie das Nachweisverfahren auf Basis der modifizierten Lebensdauerberechnung nach ISO 281 fest. Die Norm gilt für alle Kranprodukte im Anwendungsbereich der CE-Kennzeichnung.
Jede Drehstelle eines Krans – vom Trommellager des Hubwerks bis zum Laufrad der Kranbrücke – arbeitet unter wechselnden Lasten. Ein Brückenkran der Triebwerksgruppe M6 erreicht bei einer Auslegungslebensdauer von 20 Jahren eine kumulierte Umdrehungszahl der Laufräder in der Größenordnung von 10⁸, was die Bemessungsgrundlage herkömmlicher Industrielager weit übersteigt. EN 13001-3-4 führt kranspezifische Lastkollektivfaktoren und Betriebsbedingungskorrekturen ein, wodurch die Lagerlebensdauerberechnung von einer „allgemeinen Abschätzung“ zu einer „kranspezifischen Präzisionsauslegung“ übergeht.
Grenzzustände von Lagerungen im Kranbau
EN 13001-3-4 definiert zwei Grenzzustände für Lagerungen. Ermüdungsgrenzzustand (ULS-F): Der erste Ermüdungsabblätterungsfleck auf der Laufbahn oder einem Wälzkörper (Pittingfläche ≥ 1 mm²) markiert das Ende der Ermüdungslebensdauer des Lagers. Für sicherheitskritische Lagerpositionen im Kran (z. B. Trommellagergehäuse) wird eine Ermüdungsausfallwahrscheinlichkeit von ≤ 10 % gefordert (entspricht der modifizierten Nennlebensdauer L₁₀mh).
Grenzzustand der statischen Festigkeit (ULS-S): Unter maximaler statischer Last (1,25-fache Nennlast plus dynamischer Lastfaktor aus der statischen Belastungsprüfung) darf die bleibende Verformung an der Kontaktstelle zwischen Wälzkörper und Laufbahn 1/10000 des Wälzkörperdurchmessers nicht überschreiten. Diese Anforderung betrifft vor allem niedertourige Schwerlastanwendungen – etwa das Hakenquerträgerlager eines Gießkrans, das bei voll beladenem 320-t-Stahlgießpfannen nahezu stillsteht, aber extrem hohen Lasten ausgesetzt ist.
Berechnung der modifizierten Nennlebensdauer (L₁₀mh)
Die in EN 13001-3-4 verwendete Lebensdauerformel basiert auf dem modifizierten Verfahren nach ISO 281: L₁₀mh = a₁ × a_ISO × a_crane × L₁₀. Dabei gilt: a₁ ist der Zuverlässigkeitsfaktor (a₁ = 1 bei 90 % Zuverlässigkeit, a₁ = 0,62 bei 95 %); a_ISO ist der kombinierte Korrekturfaktor für Schmierung und Verunreinigung nach ISO 281 (ermittelt aus dem Schmierfilmdickenparameter κ und dem Verschmutzungsgrad ηc); a_crane ist der kranspezifische Betriebskorrekturfaktor nach EN 13001, abhängig von der Triebwerksgruppe – M5 = 1,0, M6 = 0,85, M7 = 0,7, M8 = 0,5. Dieser Faktor berücksichtigt die beschleunigte Ermüdung durch häufige Anfahr- und Bremsvorgänge sowie Schlaglasten bei höheren Triebwerksgruppen.
Berechnungsbeispiel für das Trommellager (Typ 22220E) eines Zweiträger-Brückenkrans mit 32 t Nennlast der Gruppe M5: Grundnennlebensdauer L₁₀ = 1,2 × 10⁶ Umdrehungen, a₁ = 1, a_ISO = 1,2 (gute Schmierung und saubere Umgebung), a_crane = 1,0. Daraus ergibt sich L₁₀mh = 1,44 × 10⁶ Umdrehungen – bei 8 Stunden Betrieb pro Tag und 40 % Einschaltdauer entspricht dies einer Nutzungsdauer von ca. 25 Jahren und erfüllt damit die Anforderungen an die Auslegungslebensdauer.
Kranspezifische Berechnung der äquivalenten dynamischen Last
EN 13001-3-4 schreibt für die äquivalente dynamische Lagerlast P eine von der allgemeinen Maschinenberechnung abweichende Vorgehensweise vor. Während bei allgemeinen Maschinen die mittlere Last angesetzt werden kann, wird bei Kranen aufgrund der stark schwankenden Lastverhältnisse (Leerfahrt – Volllast – Leerfahrt im wiederholten Zyklus) der Lastkollektivfaktor k_P verwendet: P = k_P × P_max, wobei P_max die äquivalente Lagerlast unter maximaler Arbeitslast ist. Die Werte für k_P: M5 = 0,63, M6 = 0,71, M7 = 0,80, M8 = 0,90. Für einen Kran der Gruppe M5 bedeutet dies, dass die äquivalente Ermüdungslast während der Lebensdauer nur 63 % der Maximallast beträgt – ein Abbild der Tatsache, dass Leer- und Teillastphasen den überwiegenden Teil der Betriebszeit ausmachen.
Bei Lagern mit gleichzeitiger radialer Kraft Fr und axialer Kraft Fa (z. B. Kegelrollenlager, Schrägkugellager) gilt: P = X × Fr + Y × Fa. Die Faktoren X und Y sind den Herstellerkatalogen zu entnehmen. Für die Berechnung sind Fr und Fa jedoch gemäß den kranspezifischen Lastkombinationen mit dem jeweiligen dynamischen Lastfaktor φ zu multiplizieren, bevor sie in die Gleichung eingesetzt werden.
Montage- und Wartungsanforderungen für Lagerungen
EN 13001-3-4 stellt normative Anforderungen an Montagetoleranzen und Schmierungsregime. Passung von Zylinderrollenlagern auf der Welle: Bei den Gruppen M5 bis M6 wird js6 (Übergangspassung) verwendet, bei den Gruppen M7 bis M8 m6 (leichtes Übermaß). Die Toleranz der Lagergehäusebohrung beträgt H7. Bei der Montage sind die Lager auf 80–100 °C zu erwärmen (Ölbad- oder Induktionserwärmung); direkte Flammenerwärmung oder Hammerschlagmontage sind untersagt. Die Erwärmungstemperatur darf 120 °C nicht überschreiten – oberhalb dieser Temperatur beginnt die Härte des Lagerstahls abzunehmen.
Schmierungsregime: Bei Fettschmierung ist das Lager nach jeweils 2.000 Betriebsstunden (Gruppe M5), 1.000 Stunden (Gruppe M6) bzw. 500 Stunden (Gruppen M7 bis M8) mit Fett nachzufüllen. Die Nachfüllmenge beträgt 30 %–50 % des freien Innenraums des Lagers. Bei Ölbadschmierung ist das Schmieröl alle 2.000 Betriebsstunden oder spätestens nach 6 Monaten zu wechseln. Beim Ölwechsel ist das Lagergehäuse zunächst mit Petroleum zu reinigen, bevor neues Öl eingefüllt wird. Das Mischen verschiedener Fettmarken oder -konsistenzen kann aufgrund inkompatibler Eindicker zum Verlust der Schmierfunktion führen – eine der häufigsten Ursachen für Lagerausfälle in der Praxis.
| Triebwerksgruppe | a_crane | Lastkollektivfaktork_P | Schmierintervall(h) | LagerZusammenbau |
|---|---|---|---|---|
| M5 | 1.0 | 0.63 | 2000 | js6 |
| M6 | 0.85 | 0.71 | 1000 | m6 |
| M7 | 0.7 | 0.80 | 500 | m6 |
Häufige Fragen
F: Warum ist die Lebensdauer von Kranlagern kürzer als bei Lagern in allgemeinen Maschinen?
A: Drei Gründe: ① Das Lastkollektiv ist anspruchsvoll – häufige Wechsel zwischen Leer- und Volllast sowie Stoßbelastungen beim Anfahren und Stoppen führen zu einer 2- bis 3-fach höheren äquivalenten Last im Vergleich zu Maschinen mit gleichmäßiger Last wie CNC-Werkzeugmaschinen. ② Niedrige Drehzahl bei hoher Last – die Laufräder der Kranbrücke drehen typischerweise nur mit 10–50 rpm, was den Aufbau eines Schmierfilms erschwert und den Anteil der Grenzreibung erhöht. ③ Verschmutzung im Außenbereich – in staubbelasteten Umgebungen wie Zementwerken und Stahlwerken können selbst bei vorhandener Abdichtung Feinstaubpartikel durch die Dichtlippe eindringen und den abrasiven Verschleiß beschleunigen. Gegenmaßnahmen: Regelmäßiges Nachfetten, um verbrauchtes Fett aus dem Lagergehäuse zu verdrängen (sog. „Spülschmierung“), sowie Erhöhung der Schutzart auf IP66.
F: Welche Lagertemperatur ist normal und ab wann muss die Anlage gestoppt werden?
A: Im Normalbetrieb sollte die Temperatur des Lageraußenrings die Umgebungstemperatur um nicht mehr als 40 °C übersteigen, d. h. bei 35 °C Umgebungstemperatur im Sommer liegt die Lagertemperatur bei maximal 75 °C. Überschreitet die Lagertemperatur 85 °C, muss die Überwachung intensiviert und die Schmierintervalle verkürzt werden. Bei über 95 °C ist die Anlage sofort zu stoppen und die Ursache zu ermitteln – typische Ursachen sind übermäßige Fettfüllung (Reibungswärme), unzureichende Schmierung (Trockenreibung), zu geringe Lagerluft (zu hohe Vorspannkraft bei der Montage) oder zu großes Übermaß der Dichtung. Für die kontinuierliche Überwachung eignen sich Infrarot-Messthermometer oder online Temperatursensoren, die bei Überschreitung des eingestellten Schwellwerts automatisch alarmieren und Trenddaten aufzeichnen.
F: Warum werden Pendelrollenlager in Kränen so häufig eingesetzt?
A: Pendelrollenlager (z. B. Baureihen 22200, 22300) haben einen Anteil von über 70 % in der Kranindustrie, da sie drei entscheidende Eigenschaften vereinen: ① Selbstausrichtung – sie ermöglichen einen Winkelversatz von 1° bis 2,5° zwischen Welle und Lagergehäuse und kompensieren damit Schweißverzug der Stahlkonstruktion sowie Montageabweichungen. ② Hohe Tragfähigkeit – die zweireihige Konstruktion mit balligen Wälzkörpern bietet eine 3- bis 5-fach höhere dynamische Tragzahl als ein Rillenkugellager gleicher Abmessungen. ③ Demontagefreundlichkeit – die Montage mit Abziehhülse (Typ K) oder Spannhülse (Typ H) ermöglicht einen einfachen Vor-Ort-Ausbau auch großer Lager. EN 13001-3-4 enthält spezifische Empfehlungen für die Einbauluft von Pendelrollenlagern: C3-Luft für normale Umgebungstemperaturen, C4-Luft für Portalkrane im Freien mit großen Temperaturdifferenzen.
F: Wie klingt ein ungewöhnliches Geräusch am Lager und wie lässt es sich beurteilen?
A: Ein gesundes Wälzlager erzeugt ein gleichmäßiges, leises „Summen“ – das kontinuierliche Abrollgeräusch der Wälzkörper auf der Laufbahn. Abweichende Geräusche deuten auf unterschiedliche Fehlertypen hin: ein periodisches „Klacken“ weist auf Abplatzungen in der Laufbahn oder an den Wälzkörpern hin; ein scharfes „Kreischen“ deutet auf unzureichende Schmierung oder einen beschädigten Käfig; ein intermittierendes „Knacken“ lässt auf harte Fremdpartikel im Fett schließen. Mit einem Schraubendreher als einfachem Stethoskop – die Klinge auf das Lagergehäuse, der Griff ans Ohr – lässt sich der Laufzustand grob beurteilen. Für eine präzise Diagnose kommt die Schwingungsspektrumanalyse zum Einsatz: Die charakteristischen Frequenzen f_bpfo (Außenring), f_bpfi (Innenring), f_bsf (Wälzkörper) und f_ftf (Käfig) weisen jeweils spezifische Schwingungsmuster auf, anhand derer sich das defekte Bauteil eindeutig lokalisieren lässt.