ISO 23811:2019 Normeninterpretation: Sicherer Betrieb von Kranen

ISO 23811:2019 „Krane – Sichere Verwendung – Leitfaden“ ist die operative Norm für die sichere Verwendung von Kranen. Sie bietet einen umfassenden Leitfaden für den gesamten Ablauf – von der Vorbereitung über die Durchführung von Hubvorgängen, Handzeichen für die Lastführung, die Kontrolle von Gefahrenbereichen bis hin zu Verfahren für Notsituationen.


Vorbereitung der Hubarbeiten

ISO 23811:2019 legt fest, dass vor Beginn der Hubarbeiten folgende Vorbereitungen abgeschlossen sein müssen: die Geräteprüfung (das Bedienpersonal führt die Tägliche Prüfung gemäß der Normenreihe ISO 9927 durch – Sichtprüfung, Funktionsprüfung und Sicherheitseinrichtungen, um die Einsatzbereitschaft des Krans sicherzustellen), die Kontrolle des Arbeitsbereichs (ebener, tragfähiger Untergrund, keine Beeinträchtigung durch unterirdische Leitungen oder Freileitungen, keine Hindernisse im Arbeitsradius), die Auswahl der Lastaufnahmemittel (Haken, Ringösen, Hebebänder, Drahtseile etc. müssen korrekt ausgewählt und innerhalb der Prüffrist liegen) sowie die Bestätigung des Einsatzplans (Hebeverfahren, Anschlagpunkte, Lastgewicht und Schwerpunkt sind definiert, bei Teamarbeit sind die Handzeichen vereinbart).

Vor Arbeitsbeginn ist eine Sicherheitsunterweisung abzuhalten (durchgeführt vom Verantwortlichen vor Ort, mit Informationen zu den anstehenden Aufgaben, Gefahrenpunkten und Kontrollmaßnahmen; die Anwesenheit des Personals und die Verfügbarkeit der Ausrüstung werden bestätigt). Wenn die Umgebungsbedingungen die Anforderungen nicht erfüllen (Windgeschwindigkeit über dem Windgeschwindigkeitsgrenzwert für die Arbeitswindgeschwindigkeit, Sichtweite unter 10 m, Gewitter, instabiler Untergrund etc.), müssen die Hubarbeiten ausgesetzt oder abgebrochen werden. Vor jedem Hubvorgang ist ein Probehub durchzuführen (die hängende Last auf ca. 200 mm über dem Boden anheben und für ≥ 30 s halten; Bremse, Hubwerk und Lastaufnahmemittel auf einwandfreien Zustand prüfen, bevor der eigentliche Hub beginnt).


Schema zur Norminterpretation


Sicherheitsanforderungen beim Heben und Transportieren

Die Norm definiert die Sicherheitsanforderungen für den Hubvorgang: Das Heben muss langsam und gleichmäßig erfolgen (zuerst das Drahtseil spannen, die Verbindung der Lastaufnahmemittel prüfen, dann langsam auf 200 mm über dem Boden anheben, die Stabilität prüfen und erst dann den Hub fortsetzen). Ruckartiges Anheben oder schnelles Absenken ist verboten. Während des Hebens und Transportierens muss die Last stabil gehalten werden (der Haken muss sich senkrecht über dem Schwerpunkt der Last befinden, um ein Pendeln zu vermeiden). Nach dem Abheben vom Boden muss sich das Bedienpersonal voll auf die Last konzentrieren und deren Zustand ständig beobachten. Drehbewegungen müssen gleichmäßig ausgeführt werden (Beschleunigung beim Anfahren und Stoppen ≤ 0,5 m/s², um ein Auspendeln der Last durch Fliehkräfte zu verhindern).

Kein Aufenthalt unter schwebender Last – muss eine Last über Personen hinweg bewegt werden, ist eine Aufsichtsperson abzustellen und der Bereich ist von Personen freizuhalten. Die Last darf nicht über längere Zeit in der Schwebe gehalten werden (falls doch, ist der Bereich darunter mit Warnbaken abzusichern). Für Tandemhub mit mehreren Kranen ist ein spezielles Verfahren erforderlich (die Last jedes Krans darf 75 % seiner Nenntragfähigkeit nicht überschreiten; die Synchronisation der Bewegungen wird von einem leitenden Koordinator gesteuert). Das Schrägziehen (Haken nicht senkrecht über dem Schwerpunkt der Last) und das Ziehen von Lasten ist mit dem Kran verboten. Bei Nachtarbeit ist für ausreichende Beleuchtung zu sorgen (Beleuchtungsstärke am Arbeitsplatz ≥ 50 lux).

Probehub-Höhe
~200mm
Probehub-Dauer
≥30s
Drehbeschleunigung
≤0,5m/s²
Tandemhub
≤75% Nennlast
Windgrenzwert
Arbeitswind
Beleuchtung
≥50lux
BetriebsphaseSicherheitsanforderungenVerbotene Handlungen
HebenVorspannenProbehub200mmNach der PrüfungHeben / AnhebenRuckartiges Ziehen und Absetzen
Heben und TransportierenLaststabilität/HakenWellenausrichtung/RuhigDrehenPersonen unter der Last
Senken des HakensLangsam auf den Ablagepunkt ausrichtenSenkenUnterlageholzStoßartiges Aufsetzen
MehrkranbetriebTandemhub≤75%Nenn-/Einheitliche SteuerungÜber-75%Nenn-
SonderumgebungNachtbeleuchtung≥50luxGewitter/Starker Nebel/Starker Wind

Handsignale für den Kranbetrieb

Das in der Norm festgelegte Signalsystem für den Kranbetrieb umfasst Handsignale (allgemeine Standardgesten: Heben – Arm nach oben gestreckt, Zeigefinger nach oben; Senken – Arm nach unten gestreckt, Zeigefinger nach unten; Stopp – Arm horizontal ausgestreckt, Handfläche nach unten; Not-Halt – beide Arme horizontal ausgestreckt, seitlich hin- und herbewegt), Pfeifsignale (ein langer Pfiff: Stopp, zwei kurze Pfiffe: Heben, drei kurze Pfiffe: Senken, aufeinanderfolgende kurze Pfiffe: Not-Halt) sowie drahtlose Kommunikation (einheitlicher Kanal, Ankündigung der eigenen Kennung vor jedem Gespräch, Wiederholung und Bestätigung jeder Anweisung). Für die Einweisung ist eine dafür benannte Person verantwortlich (zertifizierter Einweiser), die die Arbeiten zentral koordiniert.

Kommunikations- und Bestätigungsprotokoll – Nach jeder Anweisung muss das Bedienpersonal die Anweisung wiederholen und bestätigen (z. B. gibt der Einweiser den Befehl zum Heben, das Bedienpersonal bestätigt mit „Heben verstanden“). Bei Kranarbeiten mit mehreren Beteiligten ist ein standardisierter Funkkanal zu verwenden (Störungen durch andere Baustellenkanäle vermeiden). Bei Unterbrechung der Kommunikation sind sämtliche Arbeiten sofort einzustellen. Bei Nachtarbeiten werden Handzeichen und Pfeifsignale kombiniert eingesetzt. Kelude Schwerindustrie bietet Schulungsdienst für Handsignale im Kranbetrieb an.


Verhalten in Notsituationen

Das in der Norm festgelegte Vorgehen in Notsituationen – Tritt einer der folgenden Fälle ein, ist unverzüglich ein Nothaltsignal auszulösen (Not-Halt-Geste + aufeinanderfolgende kurze Pfiffe): ungewöhnlicher Drahtbruch oder Schlaufenbildung im Drahtseil, unkontrolliertes Pendeln der hängenden Last oder drohende Kollision mit Hindernissen, ungewöhnliche Geräusche oder Vibrationen am Kran, Alarmmeldung vom Bodenpersonal, plötzliche Wetterverschlechterung (stark zunehmende Windgeschwindigkeit oder plötzlicher Sichtverlust). Nach dem Not-Halt bleibt das Bedienpersonal ruhig – die hängende Last wird langsam in eine sichere Position abgesenkt (falls dies nicht möglich ist, wird die Last schwebend gehalten und der Bereich abgesperrt), anschließend wird der Motor abgestellt bzw. die Stromversorgung unterbrochen. Im Anschluss ist ein Unfallbericht zu erstellen.

NotsituationStoppsignalNachbehandlungMeldenAnforderungen
DrahtseilStörungNot-AusIn sichere Position absenkenSofort melden
hängende LastKontrollverlustNot-AusStabilisierenhängende LastBetriebsprotokoll
Ungewöhnliches GeräuschVibrationNot-AusUrsachenprüfungWartungsaufzeichnung
WetterverschlechterungArbeitsunterbrechungVerriegelnKranBetriebstagebuch
PersonenverletzungNot-AusErste Hilfe und NotrufUnfallbericht

Häufige Fragen

F: Welche Vorbereitungen sind vor Arbeitsbeginn nach ISO 23811:2019 erforderlich?

A: Prüfung der Ausrüstung (tägliche Inspektion), Kontrolle des Arbeitsbereichs (Gelände, Hindernisse, Wetter), Festlegung des Lastaufnahmemittels (Auswahl, Gültigkeit), Bestätigung des Einsatzplans (Hebeverfahren, Handzeichen). Vor Arbeitsbeginn werden die Risiken und Schutzmaßnahmen im Rahmen der Sicherheitsunterweisung erläutert. Ein Probehub von 200 mm über 30 s wird durchgeführt.

F: Welche Sicherheitsanforderungen gelten beim Hebevorgang?

A: Der Hub muss ruhig und kontrolliert erfolgen. Beim Probehub sind die Wellenausrichtung des Hakens, der Schwerpunkt und ein ruhiges Drehen zu prüfen (Beschleunigung ≤ 0,5 m/s²). Das Aufhalten unter hängenden Lasten sowie Schrägziehen oder Ziehen von Lasten ist verboten. Beim Tandemhub darf die Nennlast je Kran 75 % nicht überschreiten; es ist eine einheitliche Steuerung erforderlich. Bei Nachtarbeit muss die Beleuchtungsstärke am Arbeitsplatz ≥ 50 Lux betragen.

F: Welche Vorschriften gelten für Handzeichen beim Anschlagen?

A: Es gelten Handsignale (allgemeine Norm), akustische Signale (codierte Pfiffe) sowie drahtlose Kommunikation (einheitlicher Kanal mit Rückbestätigung). Ein ausgebildeter Einweiser koordiniert die Signale. Bei Unterbrechung der Kommunikation ist der Betrieb sofort einzustellen. Bei Dunkelheit werden Handzeichen und Pfiffe kombiniert eingesetzt.

F: Wie ist im Notfall vorzugehen?

A: Bei Auffälligkeiten ist das Nothaltsignal zu geben, die hängende Last langsam in eine sichere Position abzusenken, die Stromversorgung zu unterbrechen und ein Bericht zu erstellen. Typische Notsituationen sind: Schäden am Drahtseil, Kontrollverlust über die Last, Ungewöhnliches Geräusch oder Vibration, Wetterverschlechterung sowie Verletzungen von Personen. Kelude bietet Bediener-Schulungen für den sicheren Betrieb von Krananlagen an.

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